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Prof. P. Dr. Bernhard Vošicky OCist: „Glaube und Vernunft (fides et ratio) – die zwei Flügel der Seele zu Gott“, Vortrag 1

Fasteneinkehrtag für die Gebetsgemeinschaft der Freunde des Heiligen Kreuzes

Vortrag 1

am 4. Fastensonntag 1O. März 2013

gehalten von

Prof. P. Subprior Dr. Bernhard Vošicki OCist

Thema: „Glaube und Vernunft (fides et ratio) – die zwei Flügel der Seele zu Gott“ (Heiliger Johannes Paul II.)

Liebe Freunde des Heiligen Kreuzes, wir haben uns zum Einkehrtag in der Fastenzeit im Jahr des Glaubens versammelt.

Unser Thema heute lautet: Glaube und Vernunft, die zwei Flügel der Seele zu Gott, der Ewigen Wahrheit. Diese Formulierung stammt vom heiligen Papst Johannes Paul II. Das Thema klingt ein wenig philosophisch, und wir werden uns jetzt auch auf höhere Philosophie einstellen müssen.

Der heilige Papst Johannes Paul II. hat im Jahr 1998, am 14.September – am Fest Kreuzerhöhung eine Enzyklika mit dem Titel „Fides et ratio“ herausgegeben. Als Freunde des Heiligen Kreuzes müssen wir das Thema „Glaube und Vernunft“ im Zusammenhang mit dem Kreuzesgeheimnis, dem österliches Geheimnis (Pascha – Mysterium) auch behandeln.

 

Ich darf mit folgender Feststellung beginnen: die menschliche Freiheit vollendet sich in der Wahrheit. Jeder Mensch hat eine unsterbliche Seele von Gott geschenkt bekommen. Die Seele hat „Appetit“ und Sehnsucht nach Gott. Sie wünscht nichts anderes als sich wieder mit ihrem Ursprung zu vereinen. Die unsterbliche Seele haben nicht unsere Eltern hervorgebracht, sie ist Gnade und Geschenk Gottes. Wir dürfen dankbar sein, dass wir nicht nur irdische Erzeuger, sondern auch einen himmlischen Vater haben, der uns die unsterbliche Seele geschenkt hat, die Sehnsucht nach ihm hat, die auch weiß, woher sie kommt – nämlich von Gott, und wohin sie gehen wird. Da die Seele unsterblich ist, kommt sie aus der Ewigkeit Gottes und gelangt wieder dorthin. Da Gott die ewige Wahrheit ist, soll der Mensch die Wahrheit suchen und auch finden, auch die Wahrheit über sich selbst.

Schon die alten Griechen haben an das Orakel von Delphi die Worte „Erkenne dich selbst“ geschrieben. Gotteserkenntnis und wahre Selbsterkenntnis hängen zusammen.

„In der Tiefe des menschlichen Herzens besteht die Sehnsucht nach der absoluten Wahrheit und das Verlangen in den Vollbesitz ihrer Erkenntnis zu gelangen immer weiter“, schreibt der heilige Johannes Paul II. schon am Anfang seiner Enzyklika „Veritatis splendor – Abglanz der Wahrheit“.

Ist der Mensch fähig die Wahrheit zu erkennen? Wie kann der Mensch die Wahrheit suchen und finden? Auf diese Fragen gibt der Papst in seiner Enzyklika „Fides et ratio” Antwort. Er sagt „Glauben und Vernunft sind wie die beiden Flügel mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt“.

Unsere Seele hat Flügel! Meine Wahlgroßmutter Gertraud Reinberger, Angehörige der Sezessionisten, einer Künstlergruppe in Wien, malte einmal auf einem Bild einen ganz kleinen Menschen mit riesigen Flügeln. Ein Bild des Jugendstils! Darunter schrieb sie: die Flügel der Seele.

Unsere Geistseele hat Flügel. Die beiden Flügel heiße Fides (Glaube) und Ratio (Vernunft).

Mit ihnen streben wir nach der ewigen Wahrheit, nach Gott. Der menschliche Geist kann sich zur Betrachtung der ewigen Wahrheit, zu Gott erheben.

Warum sind wir oft so „flügellahm“? Warum sind wir so in den Erdboden verliebt? Die Schwerkraft drückt uns zu Boden. Aber die Seele erhebt sich zu Gott, ja sie schwebt Gott entgegen.

Der Geist kann sich von der Erde zu Gott erheben.

Daher heißt es in der Liturgie: „Erhebet die Herzen! Wir haben sie beim Herrn!“

Es ist durchaus möglich in der Liturgie der Kirche im Gottesdienst das Herz und damit die menschliche Seele zu Gott zu erheben mit Hilfe der beiden Flügel „Glaube und Vernunft“.

Das Streben die Wahrheit und letztlich ihn selbst zu erkennen hat Gott dem Menschen ins Herz gesenkt, damit er dadurch, dass er Gott erkennt und liebt auch zur vollen Wahrheit über sich selbst gelangen kann (Fides et ratio 1).

Wir kommen nicht nur zur Gotteserkenntnis durch Glaube und Vernunft, sondern auch zur wahren Selbsterkenntnis.

Die Frage nach der Wahrheit ist das Bindeglied zwischen beiden Enzykliken, die der selige Papst Johannes Paul II. herausgegeben hat. – „Veritatis splendor“ (Abglanz der Wahrheit) und „Fides et ratio“ (Glaube und Vernunft).

In Veritatis splendor zeigt Johannes Paul II. wie die Wahrheit die Freiheit des Menschen formt. Der willensfreie Mensch wird durch die ewige Wahrheit geformt, damit er ein richtiges Format bekommt. In „Fides et ratio“ möchte der Papst zeigen, wie die Wahrheit den Verstand des Menschen erleuchtet. Normalerweise sind wir nicht erleuchtet und haben oft dunkle Gedanken.

Wenn uns aber der Hl. Geist entflammt, werden unsere Gedanken lichtvoll. Die Wahrheit Gottes erleuchtet unseren Verstand.

So sagt der heilige Papst Johannes Paul II.: „Es besteht die Notwendigkeit des Nachdenkens über die Wahrheit. Sie muss neu bekräftigt werden“ (Fides et ratio 6). Die Kirche ist seit dem Ostertag, wo sie die letzte Wahrheit über den Menschen als Geschenk des Auferstandenen empfangen hat, zur Pilgerin auf den Straßen der Welt geworden, um zu verkünden, dass Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (Joh.l4, 6 und Fides et ratio 2).

 

Was bedeutet das?

Jesus Christus, Gott und Mensch zugleich, ist nicht nur ein Weg von vielen, sondern er ist der Weg, weil er auch die Wahrheit ist. Er ist das Leben und nicht ein Angebot von vielen Lebensformen.

Jesus Christus, unser Herr und Gott ist Weg und Wahrheit und Leben in Person. Leben ist nicht nur eine Sache, sondern eine Person, ein Du, ein Vis-a-vis. Das Leben schaut uns mit zwei Augen an. Es hört uns mit zwei Ohren. Das Leben spricht mit einem Mund zu uns. Das Leben begegnet uns im auferstandenen Christus. Das Leben umarmt uns und zieht uns an sein Herz.

Du begegnest Jesus Christus und damit begegnest du dem Leben. Du begegnest Jesus Christus und damit die Wahrheit. Auch die Wahrheit ist keine Sache, keine philosophische Spekulation, sondern auch sie ist eine Person. Jesus sagt: „Ich bin die Wahrheit“ (Joh. 14, 6).

Die ewige Wahrheit kann den Glanz des Himmels und die Herrlichkeit Gottes am Kreuz und bei der Auferstehung ausstrahlen.

Denken wir an das Kreuz in unserer Kreuzkirche in Heiligenkreuz! Wir werden es heute wieder verehren. Es hat einen goldenen Strahlenkranz, weil es die Herrlichkeit des Himmels ausstrahlen möchte. Gold ist die Farbe des Himmels.

Der Glanz der Wahrheit, der im österlichen Geheimnis Christi aufstrahlt, erleuchtet auch die Philosophie. Eine der vornehmsten Aufgaben der Menschheit! Die Philosophie zeigt, dass das Streben nach Wahrheit und Weisheit zur Natur des Menschen gehört.

Im Heidentum gab es berühmte Philosophen wie Platon und Aristoteles.

Sie suchten die Liebe zur Wahrheit und zur Weisheit. Philosophie übersetzt heißt: Liebe zur Wahrheit – und Weisheitssuche. Sophia ist die Weisheit und Philia die Liebe.

Die Kirche ist die Pilgerin auf den Straßen dieser Welt und zeigt den Weg zur ewigen Wahrheit.

MMag. Jerémie Bono, ein lieber Schüler von mir, dem ich auch hier in der Stiftkirche von Heiligenkreuz die Primizpredigt halten durfte, stammt aus Frankreich. Inzwischen ist er Pfarrer in Zwölfaxing. Er schrieb in einem interessanten Buch mit dem Titel „Das erlösende Lamm“ über die Enzykliken Johannes Pauls II.: Dem Menschen ist die Suche nach der absoluten und endgültigen Wahrheit in das Herz und in die Seele geschrieben.

Wir fragen uns, wenn in jedem Menschen die Suche nach der Wahrheit da ist, warum in unserer Zeit diese Suche nach der letzten Wahrheit oft getrübt ist. Warum übersteigen sich die Menschen nicht selbst, um so zu Gott zu kommen? Warum bleiben sie in der Gott-Suche stecken?

Papst Johannes Paul II. schreibt: „Der Mensch ist unter der Last des vielen Wissens über sich selbst gebeugt und wurde von Tag zu Tag unfähiger den Blick nach oben zu erheben, um das Wagnis einzugehen, zur Wahrheit des Seins zu gelangen“.

 

Das soll heißen, dass wir zu sehr in die Welt hineinblicken und manchmal sogar deprimiert, niedergeschlagen und mutlos auf den Boden schauen, während Jesus Christus sein Haupt immer nach oben zum Vater hebt. Er schaut liebend gern zum Vater empor. Der Blick nach oben ist der Blick Christi. Der Blick nach unten ist der Blick des Menschen, der unter der Last des vielen Wissens, aber auch unter der Last der Sünde zusammenbricht und immer gebeugter wird und von Tag zu Tag unfähiger nach oben zu schauen. So entstehen viele Formen der Glaubensfeindlichkeit. Drei davon möchte ich erwähnen:

Agnostizismus bedeutet, dass man die Wahrheit nicht erkennen kann. Tag für Tag schlürfen die Agnostiker den Becher des Atheismus aus und vergessen, dass am Boden dieses Bechers schon die ewige Wahrheit, Jesus Christus, auf sie wartet.

Der inzwischen emeritierte Papst Benedikt XVI. sagte einmal: „Es ist gar nicht leicht, täglich beweisen zu müssen, dass es Gott nicht gibt.“ Ein Agnostiker muss ja immer wieder versuchen zu beweisen, dass es ihn nicht gibt und alles natürlich erklärt werden kann. Es ist weitaus leichter, den lieben Gott einzusetzen und zu sagen: „Dies kommt von ihm“.

-lm Relativismus ist alles relativ. Es gibt keine absoluten Normen und keine absolute Wahrheit.

Wie kann sich die Seele mit zwei Flügeln – Glaube und Vernunft – zu Gott erheben, wenn es keine absolute Wahrheit gibt?

– Der Skeptizismus bezweifelt immer alles. Wer weiß, gibt es Gott? Der hl. Apostel Thomas war eine Zeitlang auch ein Skeptiker, als er sagte: „Wenn ich nicht meine Finger in seine Herzwunde und die Male der Nägel lege, glaube ich nicht“. Er brauchte Beweise.

Viele Menschen werden von Zweifeln, Ungewissheit und auch von der Lüge geplagt.

Nun möchte ich über den Begriff Selbstüberschreitung (Transzendenz) sprechen.

Ein Tier hat eine begrenzte Umwelt. Der Mensch ist das unbehauste Wesen. Er kann sich über seine Umwelt erheben. Er kann sich auch über sein Denken auf die ewige Wahrheit hin erheben. Das nennt man transzendieren – überschreiten. Durch meinen Verstand, meinen Geist, meine Vernunft und durch meine Geistseele kann ich über mich selbst hinauswachsen, kann ich mich selbst überschreiten. Dem Menschen fällt die Aufgabe zu mit seiner Vernunft nach der Wahrheit zu forschen. Darin besteht der Adel des Menschen (Fides et ratio 17). Menschen können über sich selbst hinausgehen, sich selbst überschreiten auf ein höheres und größeres Du, auf die ewige Wahrheit, auf Gott hin. Menschen können das absolute Sein, nämlich Gott, und die absolute Wahrheit erkennen. Menschen können durch ihren Verstand über sich hinausschreiten. Das sind die Flügel, die ich schon erwähnt habe. Sie lassen uns über uns selbst hinauswachsen.

Niemals könnte der Mensch sein Leben auf Zweifel, Ungewissheit oder Lügen aufbauen. Wir merken, dass die Menschheil im 21. Jahrhundert deswegen scheitert, weil sie auf Zweifeln, Ungewissheit und Lügen ihre Gedankengebäude errichtet.

Jesus Christus schenkt uns die absolute Wahrheit. Jesus Christus schenkt uns den Weg. Jesus Christus schenkt uns die Fülle des Lebens. Joh. 10, 10: „Er will, dass wir das Leben haben und das wir es in Fülle haben“. Darauf können wir bauen. Darauf können wir uns einlassen. Ein Mensch, der nur auf Zweifel, Ungewissheit oder Lüge aufbaut, ist ständig von Furcht bedroht.

Das kennen wir! Die Menschen leben in Angst nicht nur vor Krankheit und Tod, nein, die Menschen fürchten sich auch vor dem Leben und vor der Zukunft.

So kann man nach Papst Johannes Paul II. den Menschen als das Wesen das nach der Wahrheit sucht, definieren. Die selige Edith Stein (Schwester Theresia Benedikta vom Kreuz) drückte dies so aus: „Der Mensch, der nach der Wahrheit sucht, sucht nach Gott, ob er es weiß oder nicht“. Das Suchen nach der Wahrheit macht den Menschen zum Menschen, der immer wieder die Flügel seiner Seele ausstreckt, um zu Gott emporzuschweben (Fides et ratio 28).

Man kann es auch anders ausdrücken. Hoffentlich gefällt Ihnen mein Vergleich: manche Kinder haben Sehnsucht auf einem Seil zu tanzen. Don Bosco, der große Jugendapostel, war ein begnadeter Seiltänzer. Zwischen zwei Bäumen spannte er ein Seil. Danach sagte er zu den Jungen, dass sie jetzt beten müssten. Erst dann wollte er für die Kinder am Seil tanzen. So brachte er die Kinder zum Beten.

Wenn du ein Seil spannst, musst du ein Ende an einem Baum befestigen und das andere am anderen Baum. Logisch! Sonst kann man nicht Seiltanzen. Die heutigen Menschen befestigen ihr Lebensseil oft nur an einem Ende und das zweite schwebt irgendwo. Daher können sie sich nicht zu Gott erheben und bleiben erdenschwer und fixiert auf das Vergängliche, irdische, Weltliche und Natürliche. Sie suchen nicht das Himmlische und Übernatürliche. Sie spannen ihr Seil nicht aus. Das andere Ende des Lebensseiles muss man bei Gott festmachen, dann wird das Leben sinnvoll. Die Seele strebt danach, das Lebensseil an Gott festzumachen, an Gott zu befestigen, in Gott zu verankern. Erst wenn die Seele in Gott verankert ist, kann man sich auf dem Lebensseil sinnvoll bewegen.

Bernhard von Clairvaux meinte, dass die Zisterzienser durch ihre vielen Gebete, Opfer und die tägliche Kreuzesnachfolge besondere Seiltänzer wären, Seiltänzer mit dem Kopf nach unten!

Die Suche des Menschen strebt nach einer jenseitigen Wahrheit, die in der Lage sein soll, den Sinn des Lebens zu erklären. Wenn wir nur natürlich handeln und denken, werden wir nie die ewige Wahrheit, das Übernatürliche erlangen. Die Suche kann nur im Absoluten Antwort finden (Fides et ratio 33).

Schon das l. Vatikanische Konzil im 19.Jahrhundert hat an die natürliche Erkennbarkeit der Existenz Gottes als den Ursprung und das Ziel aller Dinge feierlich erinnert. Die Lehre des l. Vatikanischen Konzils wurde dann vom II. Vatikanischen Konzil bestätigt. Dort heißt es: „Durch vernünftiges Nachdenken über die Natur kann man wieder auf den Schöpfer zurückkommen. Denn von der Größe und Schönheit der Geschöpfe lässt sich auf ihren Schöpfer schließen“.

Mit seinem natürlichen Verstand und vernünftigem Nachdenken kann der Mensch zum Schöpfer gelangen. Dies findet man im Allen Testament, Weisheitsbuch 13, 5 und Fides et ratio 19.

Im Katechismus der katholischen Kirche heißt es (286): „Gewiss kann schon der menschliche Verstand eine Antwort auf die Frage nach dem Ursprung finden. Das Dasein eines Schöpfergottes lässt sich dank des Lichts der menschlichen Vernunft aus seinen Werken mit Gewissheit erkennen, wenn auch oft diese Erkenntnis durch Irrtum verdunkelt und entstellt wird. Darum bestärkt und erhellt der Glaube die Vernunft, damit sie diese Wahrheit richtig versteht: Aufgrund des Glaubens erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort erschaffen worden und dass so aus Unsichtbarem das Sichtbare entstanden ist“ (Hebr. 11, 3).

„Die heilige Mutter Kirche hallt fest und lehrt, dass Gott der Ursprung und das Ziel aller Dinge, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen gewiss erkannt werden kann. Ohne diese Befähigung wäre der Mensch nicht imstande, die Offenbarung Gottes aufzunehmen. Der Mensch besitzt diese Fähigkeit, weil er „nicht dem Bilde Gottes“ erschaffen ist (Katechismus 36).

Wir sind Abbild und Ebenbild Gottes, und dazu gehört auch unser Verstand, unsere Vernunft.

Jeder Mensch könnte durch vernünftiges Nachdenken über die Natur zum Schöpfer gelangen.

So machten es Platon und Aristoteles – die Vernunft hat die Fähigkeit sich der Transzendenz zu öffnen, das heißt sich über das Zufällige zu erheben, um auf das Unendliche zuzutreiben.

Der Mensch kann mit seiner Vernunft erkennen, dass es einen Gott gibt, der Ursprung und Ziel aller Dinge ist.

Eigentlich ist diese Erkenntnis einleuchtend und klar. Warum aber haben viele Menschen Schwierigkeiten, sich der Transzendenz (dem übernatürlichen) zu öffnen? Warum gibt es viele Atheisten, die nicht an Gott glauben? Aufgrund der Statistik ist der Atheismus die zweitgrößte Wellanschauung.

Der Papst gibt in seiner Enzyklika „Fides et ratio“ eine Antwort, die von der Bibel inspiriert ist.

„Wenn der Mensch mit seinem Verstand Gott, den Schöpfer von allem nicht zu erkennen vermag, dann liegt das nicht so sehr am Fehlen eines geeigneten Mittels, als vielmehr an dem Hindernis, das ihn von seinem freien Willen und seiner Sünde in den Weg gelegt wurde (Fides et ratio 19).

Der freie Wille des Menschen kann sich auch freiwillig gegen Gott entscheiden. Die Sünde verdunkelt den Zugang zu Gott. Je länger ein Mensch auch moralisch in der Sünde weilt, umso mehr kommt er von der ewigen Wahrheit weg und sein Verstand und seine Vernunft verdunkeln sich.

Man sieht das im Evangelium Lk. 15. Der verlorene Sohn entfernt sich immer mehr von der ewigen Wahrheit, nämlich vom Vater. Er verschleudert sein Vermögen und verprasst sein Erbteil. Dadurch entfernt er sich immer mehr vom Vater. Sein Verstand verdunkelt sich immer mehr, so dass er fast wie ein Schwein wird. Er landet bei den Schweinen und kann nicht einmal mehr den Schweinefraß als Nahrung zu sich nehmen. Er ist im tiefsten Elend, ja in der tiefsten Sündennot und in der äußersten Entfernung von der ewigen Wahrheit. Auf Grund seines freien Willens muss er sich entscheiden: Ich kehre um, ich bekehre mich, ich gehe zurück zum Vater, zurück zur Wahrheit. Die Flügel der Seele sind beim verlorenen Sohn noch nicht ganz erlahmt.

Sein Verstand, sein Wille, sein Gedächtnis (= die drei Seelenkräfte) sind noch da. Er sieht jetzt, dass er es beim Vater guthatte. Er erkennt, dass ihn der Vater unendlich geliebt hat. Sein Gedächtnis erinnert ihn an die Herrlichkeit und Schönheit der Liebe des Vaters. Sein Wille bewegt ihn zurückzukehren. Die Flügel der Seele (Ratio et fides – Glaube und Vernunft) bewegen ihn, zum Vater zurückzukehren.

Wenn wir uns vom bösen Feind, dem Teufel verführen lassen, werden wir ihn bald als Vater der Lüge und als Mörder von Anbeginn entlarven (Joh. 8). Der Verlogene führt zur Lüge, der Mörder führt zum Tod. Der Vater der Lüge und Mörder von Anbeginn beeinträchtigt unsere Vernunft. Die Menschen gelangen immer mehr in die Kultur des Todes. Sie werden immer mehr zu Zerstörenden, Vernichtenden und Mordenden.

Unsere Stammeltern, Adam und Eva, zogen in ihrem Ur-Ungehorsam sich von Gott zurück und fügten der Vernunft Wunden zu. Die sogenannte Erbsünde, von den Stammeltern kommend, zeigt, dass die Vernunft des Menschen verwundet ist. Das heißt, dass der Weg zur vollkommenen Wahrheit behindert ist.

„Das Vermögen des Menschen die Wahrheit zu erkennen ist beeinträchtigt. Die Vernunft wurde zunehmend zur Gefangenen ihrer selbst“, sagt Papst Johannes Paul II. Viele Menschen sind in sich gefangen und können sich nicht mehr übersteigen auf Gott hin. Sie sind in ihren fünf Sinnen gefangen. Sie sind sinnliche Menschen. Nicht Übersinnliche, die die fünf Sinne übersteigen, sondern in ihren fünf Sinnen gefangen –  „nur was ich sehe, höre, rieche, schmecke und taste, das kann ich glauben. Das andere interessiert mich nicht und ist nicht existent“.

Die Vernunft des Menschen muss befreit und geheilt werden, damit sie wieder die Sinnenwelt mit Leichtigkeit übersteigt und die Flügel gestärkt werden. Wie kann das geschehen? Durch eine gute Beichte! Es ist tatsächlich so! Erst wenn der Mensch seinen gesamten Sperrmüll, Sonder- und Restmüll deponiert und seine Sünden gebeichtet hat, ist er wieder fähig, sich selbst zu übersteigen und Gott zu erkennen. Interessant ist, dass die Gotteserkenntnis durch Sünden getrübt werden kann. Die Vernunft muss befreit und geheilt werden.

Hierbei scheint es wichtig mi dem Papst zu sagen, dass die Sehnsucht und das Streben des Menschen nach der Wahrheit nicht nur eine individuelle und rationale Dimension, sondern auch eine interpersonale zwischenmenschliche hat, die von Vertrauen und Glaube und Freundschaft geprägt sind.

Ein Mensch, der gebeichtet hat, kann auch wieder einem Mitmenschen vertrauen, Glauben schenken und Freundschaft aufbauen. Ein Mensch in der Sünde ist isoliert und abgekapselt, eingeschränkt auf seine Sinnlichkeit. Wie kann ein solcher Mensch Vertrauen, Glauben und Freundschaft mit Gott aufbauen? Der Mensch, als ein Wesen, das nach der Wahrheit sucht, lebt auch vom Glauben: Ich glaube dir! Ich vertraue dir! Ich lasse mich auf dich ein!

Es ist interessant, dass unser Alltag auch aus Glauben und Vertrauen besteht. Wir vertrauen zum Beispiel der EVN, dass es heule hier im Kaisersaal Licht und Strom gibt, damit ich hier gut vortragen kann. Wir vertrauen auch dem Stift Heiligenkreuz, dass es den Kaisersaal gut beheizt, denn es ist noch recht winterlich. Wir vertrauen dem Abt, dass er kräftig betet, dass es immer neue Novizen gibt und dass sich die Hochschule, die wir bald erweitern dürfen, füllt.

Wir glauben und vertrauen ganz einfach auf das Kommende, an die Zukunft. Wir glauben nicht nur an Gott, sondern aneinander.

Denken wir einmal darüber nach, wie viele Vertrauensakte man setzt, um gut an den Arbeitsplatz zu kommen. Wie viel Vertrauensakte setzt man, damit man gut kochen kann. Wie vielen Menschen muss man in diesem Fall Glauben und Vertrauen schenken! Ich glaube und vertraue dir!

So geschieht auch der Zugang zu Gott! Wir glauben und vertrauen Goll. Das sind unsere Flügel, die uns aufwärtsführen.

Wir kommen nun zu Jesus Christus am Kreuz und unserer Erlösung! Wir wollen dieses österliche Geheimnis nicht vergessen! Der Tod am Kreuz hat unsere, durch die Sünde geschwächte Vernunft, wieder in ursprünglicher Stärke hergestellt.

Schau auf den Gekreuzigten! Schau auf den Erlöser! Schau auf Christus! Er stärkt wieder deinen Verstand. Er stärkt auch wieder deinen guten Willen. Er stärkt dein Vermögen, dass du dich über irdische Dinge erhebst, und dass du das Sinnliche übersteigst zum Übersinnlichen.

Dann wirst du erkennen, dass das Unsichtbare weitaus mehr ist als das Sichtbare.

lm Kaisersaal sind heute viele Menschen zusammengekommen. Das sind die sichtbaren Menschen. Aber es sind auch viele Arme Seelen hier, auch viele Engel, nicht nur unsere Schutzengel. Auch viele liebe Verstorbene sind rund um uns, die wir nicht sehen, die wir mit unseren fünf Sinnen nicht wahrnehmen, aber eine reale Existenz haben. Vater, Sohn und Heiliger Geist im Himmel sind unsichtbar, aber doch immer anwesend. „Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage, bis zum Ende der Welt” (Mt. 28, 20).

All das, was wir nicht sehen, hören, tasten, spüren, schmecken ist viel mehr als, was wir mit unseren fünf Sinnen aufnehmen. Das Unsichtbare ist unendlich viel größer als das Sichtbare.

Deswegen schauen wir auf das Kreuz. Jesus Christus zeigt uns, dass die irdische Wirklichkeit sehr begrenzt ist. Seine irdische Existenz wird an einen Kreuzesbalken genagelt. Aber seine Seele mit den zwei Flügeln, Glaube und Vertrauen richtet sich auf den Vater, erhebt sich zu Gott. Und so sagt er: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist” (Lk. 23, 46). Jesus kann sich selbst übersteigen. Er kann über sich hinauswachsen auf den Vater hin und ganz im geliebten Du des Vaters aufgehen. Der Vater erlöst ihn vom vergänglichen irdischen durch die Auferstehung. Er erlöst und befreit ihn und nimmt ihn zu seiner Rechten auf. Die menschliche Vernunft ist imstande den Weg ihrer Suche nach der Wahrheit zu durchschreiten und das Geheimnis Gottes zu erkennen. Am Höhepunkt ihrer Suche befindet sie sich an der Schwelle des Geheimnisses Gottes.

Wenn die menschliche Vernunft das Geheimnis Gottes kennenlernen möchte, muss sie die Selbstmitteilung Gottes durch den Glauben annehmen. Nicht nur unsere Seele hat zwei Flügel, Vernunft und Glaube, die sich zu Gott erheben. Auch Gott teilt sich uns mit und schenkt sich uns.

Es gibt die Selbstmitteilung und Selbstverschenkung Gotts. Gott spricht zu uns. Gott offenbart sich. Der verhüllte Gott zeigt sich.

Zum Glück müssen wir nicht alles selbst machen! Das wäre eine Überforderung. Es wäre ein armseliges Unternehmen, wenn nur wir mit den Flügeln unserer Seele hinaufstreben zu Gott.

Wir erkennen es im Evangelium: Der Vater schaut sich die Augen nachdem verlorenen Sohn aus. Der Vater geht dem verlorenen Sohn eine lange Wegstrecke entgegen. Der Vater umarmt den verlorenen Sohn, küsst ihn und zieht ihn an sein Herz. Der Vater schenkt ihn ein neues Kleid, Schuhe und einen Ring. Er schlachtet das Mastkalb und veranstaltet ein Festessen. Der Vater schenkt dem verlorenen Sohn alles, was er ist und alles was er hat. „Alles was Mein ist, ist Dein“ (Lk. 15, 31).

Gott kommt dem suchenden Menschen ganz entgegen. Er kommt uns mit seiner Liebe, seiner Barmherzigkeit und seiner Wahrheit entgegen. Er teilt sich uns mit. Er teilt uns seine ewige Wahrheit mit, damit wir nicht auf der Suche erlahmen. Er kommt unserem verdunkelten Verstand entgegen und befreit und heilt ihn von der Erdenschwere.

 

Danke, dass Sie mir bei den philosophischen Überlegungen zugehört haben. Ich denke, es war sehr wichtig für unsere Zeit.

 

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